Die junge Türkin Özgur ist nach erfolgreichem Studium nach Rio de Janeiro gekommen, aber statt dort planmäßig ihre Universitätslaufbahn zu verfolgen, verheddert sie sich im wilden, chaotischen Leben der tropischen Metropole. Sie lässt sich, gefesselt und zugleich klarsichtig, durch die gewalttätigen Slums treiben, lebt mühsam als Teil des akademischen Proletariats vom Unterrichten. Und sie schreibt ein Buch über sich, die junge Frau aus dem alten Europa, und die Stadt, die ihr Leben so völlig verändert hat. Das Buch hat sie Die Stadt mit der roten Pelerine genannt Özgur trägt es ständig mit sich herum, und aus diesem Buch wird im Roman bis zum bitteren Ende ausführlich zitiert.
Jenseits von diesem postmodernen und anderen gut versteckten literarischen Kunstgriffen ist Erdogans teils autobiografisches Buch düster, brutal, romantisch, direkt, und es ist großartig geschrieben. Es zeigt ungeschönt den Kampf einer Migrantin aus dem kalten Europa, die in den Tropen ein ganz anderes Leben sucht, ihren Versuch, es zu begreifen, im Wissen, dass sie diesen Kampf verliert. Rio wird dabei zu einem Bild eines sehr modernen Totenreiches, in dem ein bitterer Karneval regiert.
Asli Erdogan, 1967 in Istanbul geboren, hat tatsächlich wie ihre Buchheldin eine abgebrochene akademische Laufbahn (als Physikerin, unter anderem am Kernforschungszentrum CERN in Genf) hinter sich und auch einen offensichtlich einprägsamen längeren Aufenthalt in Rio de Janeiro. Seit Mitte der 90er Jahre lebt sie als Schriftstellerin in Istanbul. Schon mit ihrer ersten Erzählung gewann sie 1990 den Yunus Nadi Preis.
Die Türkei ist diesjähriger Ehrengast der Frankfurter Buchmesse und präsentiert sich dort kulturell, aber vor allem literarisch. Aus diesem Anlass laden die Stadtbücherei Stuttgart und das Deutsch Türkische Forum Stuttgart e. V. zu der Lesereihe Literatürkei in die Stadtbücherei im Wilhelmspalais. In der Reihe werden aktuelle türkische Themen diskutiert und türkische Literatur vorgestellt, um einen Einblick in die dynamische türkische Kulturlandschaft zu bieten.
Den Beginn machte am 11. März Sibylle Theten mit ihrem Buch Istanbul Stadt unter Strom. Am 29. Mai um 19.30 Uhr stellt Asli Erdogan ihren Roman
Die Stadt mit der roten Pelerine (s. o.) vor. Das Buch erscheint in der Deutsch—türkischen Bibliothek des sverlags, übersetzt von Recai Hallaç, der an dem Abend die deutschen Texte liest. Weiter geht es am 17. September, um 20 Uhr liest Adalet Agaoglu aus ihrem Roman Sich hinlegen und sterben. Der Band erscheint auch in der Deutsch—türkischen Bibliothek des sverlags. Die Übersetzerin Sebnem Bahadir liest und übersetzt an dem Abend den deutschen Part. By Ingo Anhenn

