Die Türkei ist das Partnerland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Der Literarischen Gesellschaft OWL ist es gelungen, schon vor der Messe mit Asli Erdogan eine prominente türkische Autorin für eine Lesung in der Zentralbibliothek zu verpflichten. Gut 40 Zuhörer kamen.
Gleichzeitig wurde die Ausstellung »Die Türkische Bibliothek« eröffnet. Auf dreizehn Schautafeln ist die Entwicklung der türkischen Literatur der klassischen Moderne seit Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute zu verfolgen. Der Verlag, auch der Verlag der Bücher von Asli Erdogan, plant, bis zur Buchmesse 20 Bände türkischer Autoren zu veröffentlichen sechs davon sind bereits erschienen.
Asli Erdogan (41), in Istanbul geboren, studierte Informatik und Physik und arbeitete am Kernforschungszentrum Cern. Sie lebte in Rio de Janeiro und verdichtete ihre brasilianischen Erkenntnisse und Erlebnisse in dem Roman »Die Stadt mit der roten Pelerine«. Mit der »roten Pelerine« meint sie einen Umhang aus Blut und Gewalt.
Dr. Horst Annecke, Vorsitzender der Literarischen Gesellschaft, zitierte in seiner Moderation eine Zeitung, die über den Roman geschrieben habe: »Türkischer Pfeffer, brasilianische Hitze. Wer Kafka sofort mit Prag, Joyce mit Dublin in Verbindung bringt, wird das auch mit Rio de Janeiro und Asli Erdogan tun.« Recai Hallac übersetzte und las den deutschen Part.
Nächster Gast der Literarischen Gesellschaft ist der mongolische Autor Galsan Tschinag am 8. Oktober, 20 Uhr, im Gemeindehaus Neustadt Marien. By Westfalen-Blatt Bielefeld
Am Anfang war nur ein Bild in meinem Kopf
Mit „Die Stadt der roten Pelerine“ liegt ein ungewöhnlicher moderner türkischer Roman vor. Grund genug für einige Fragen an Asli Erdogan.
Auf den ersten Blick mag es seltsam klingen, dass ein moderner türkischer Roman in Brasilien, konkret in Rio, spielt. Doch warum soll nur die türkische Vergangenheit oder Gegenwart zum Thema werden? Das wäre doch nur ein Klischee. Asli Erdogan lebte selbst einige Jahre in Rio und schildert den Versuch einer jungen Frau neue Lebenswirklichkeiten kennen zu lernen, doch statt Lebensfreude am Zuckerhut erlebt sie die Einsamkeit und Verlorenheit in den Favelas. Der Roman ist fordernd. Er kann man mit verwirrend, faszinierend schönen und auch grausamen Bildern aufwarten. Wenn sich Özgür durch die Straßen dieser Stadt treiben lässt, sie den Verfall und die Zügellosigkeit sieht und erfährt und im Kontrast dazu ihr eigenes Leben stellt, das auch immer mehr aus den Fugen gerät. Sie wollte beobachten, neue Erfahrungen machen, aussteigen, vielleicht einen Roman beenden. Das Leben in Rio nimmt sie aber immer mehr gefangen, verlangt einen hohen Einsatz. Sie bleibt aber dabei immer die „Gringa“, die Ausländerin. Sie hat schließlich nicht mehr den Status der Beobachterin, sondern findet sich ganz unten auf der sozialen Leiter und wird zum sinnlosen Opfer. Neben einer spannenden Erzählung kann der Roman auch mit einer komplexen Struktur aufwarten. Er arbeitet mit verschiedenen Ebenen. Özgür schreibt nämlich auch einen Text über eine „Ö“, deren Erlebnisse wiederum in den Romantext einfließen. Durch dieses Vexierspiel, des Text im Text, ergeben sich reizvolle Konstellationen. Auch die Namen haben eine weitere Bedeutungsebene. Während des Schreibens ist Erdogan auf den Orpheus Mythos gestoßen und hat dann den Namen Özgür gefunden. Das bedeutet im Türkischen frei oder unabhängig. Die Frau in Özgürs Text trägt den Namen Ö. Das steht für Tod, für die Andere, für Eurydike und für Subjekt. Im Türkischen besteht die Möglichkeit alle diese Themen mit einem Buchstaben anzusprechen.
Buchkultur: Warum schrieben Sie über Rio? Hat das biographische Gründe oder ist Rio als eine Metapher zu sehen?
Erdogan: Ich lebte zwei Jahre in Rio, schrieb den Roman aber erst zwei Jahre später, als ich schwer krank war. Tatsächlich ist es ein Roman über meine Erfahrung mit Rio und meiner Krankheit. Von Rio wird auf zwei Ebenen erzählt, einerseits über das wirkliche Rio, andererseits ist es eindeutig eine Metapher. Im Verlauf der Geschichte vermischen sich diese beiden Ebenen. Was die Protagonistin Özgür in Rio sieht ist einerseits Realität und andererseits die Reflexion darauf.
Buchkultur: Sei verwenden eine sehr komplexe Struktur in ihrem Roman, gewissermaßen auch eine Erzählung in der Erzählung?
Erdogan: Die Struktur ist durch den Inhalt des Buches entstanden. Am Anfang war nur ein Bild in meinem Kopf, das Bild einer Frau, die an einem Sonntag durch einen Kopfschuss getötet wird. Hätte ich dieses Buch noch einmal geschrieben, hätte ich die Merkmale des Erzählens, diese strukturellen Unterschiede viel deutlicher herausgearbeitet. Wenn man von der Struktur ausgeht, kann man sagen, die Struktur hat sich selber erschaffen, obwohl es aussieht, als ob es wunderbar konstruiert wäre.
Buchkultur: Wie wichtig ist die autobiographische Komponente?
Erdogan: Özgür hat nicht angefangen zu Schreiben, um einen Roman zu verfassen, sondern um ihre eigene Wahrheit zu schreiben. Das ist ein Schnittpunkt zu mir. Ich wollte eine Geschichte erzählen, daraus musste nicht unbedingt ein Roman entstehen. Ich wollte über mich selbst schreiben. Aber da stellt sich die Frage, ob und wie eine autobiographische Realität möglich ist. Man kann über sich selbst schreiben, doch was ist der Preis dafür, wenn man so etwas tut? Was ist die Beziehung von diesem Schreiben über sich selbst und dem Schicksal und dem Tod. Warum schreibt man überhaupt über sich selbst, warum konstruiert man dieses Selbst? Es ist eine paradoxe Situation, denn in dem man sich darstellt, seiend macht, vernichtet einen das Leben.
Buchkultur: Sind diese autobiographischen Komponenten wichtig für Ihr Schreiben, denn irgendwie schreibt man ja immer über sich?
Erdogan: Was mich beschäftigt ist nicht als Thema mein Leben. Mich beschäftigt die Geschichte des Erzählens über sich selbst. Warum verspürt ein Mensch die Notwendigkeit über sich selbst zu erzählen und warum hat man so große Angst davor? Es gibt einen Spruch dazu, der mir gefällt, um über einen Menschen zu erzählen, müsste man eigentlich über die ganze Welt erzählen. Und wenn dieser Mensch ich selbst bin, wird es noch einmal komplexer. Denn wenn man sich erzählend selbst findet, verliert man sich selbst wieder. Ich glaube das Bewusstsein der Sterblichkeit ist erst der Moment wo das Bedürfnis zu erzählen entsteht.
Buchkultur: Sie sind Naturwissenschaftlerin und jetzt Autorin, eine ungewöhnliche Kombination.
Erdogan: Ich weiß nicht ob ich als Wissenschaftlerin bezeichnet werden kann. Ich habe zwar als Physikerin gearbeitet, doch die Klischees, die über Wissenschaftler im Umlauf sind, gelten für mich nicht. Ich war immer eine sehr gute Leserin und habe fast wie besessen gelesen. Meist Literatur, auch Philosophie. Merkwürdig daran ist, dass ein Mensch, der so gerne liest, nicht einmal einen Tag daran gedacht hat, selber Schriftstellerin zu werden. Als mein erstes Buch erschien, war ich noch Physikerin.
Buchkultur: Wer liest dieses Buch in der Türkei?
Erdogan: Meine Leserschaft ist ziemlich seltsam. Zuerst waren es hauptsächlich Intellektuelle, meist Literaten. Nachdem jedoch mehr Bücher von mir übersetzt werden und ich in Frankreich vom Magazin „Lire“ zu den 50 Autorinnen der Zukunft gewählt wurde, habe ich die Unterstützung der Literaten verloren. Dann, Romane werden in der Türkei meist von Frauen gelesen, bei mir überwiegen die Männer. Und ich habe auch eine sehr politische Leserschaft. Vor allem in den Gefängnissen werde ich viel gelesen. Das habe ich aber nicht meinen Romanen zu verdanken, sondern meinen politischen Kolumnen. Dann sind sie auf meine Bücher aufmerksam geworden. Aber ich wurde für meine Bücher auch von politischen Linken scharf kritisiert. Sie sagen ich sei eine Autorin, die in ihren Kolumnen eine Linke ist, aber in ihren Romanen eine Rechte.
Buchkultur: Sie schreiben also nicht nur für Intellektuelle?
Erdogan: Es gibt verschiedene Möglichkeiten meine Bücher zu lesen. Man auch nichts vom Orpheus Mythos wissen, um dieses Buch zu lesen. Ich habe es nie gemocht die Intellektuelle zu spielen. Der Mythos ist zwar eine tragende Säule des Buches, doch das darf man eigentlich gar nicht sehen. Ich möchte, dass das unsichtbar bleibt, wie auch alle strukturellen Spielereien, die ich eingebaut habe. Ich bin nämlich alles andere als eine avantgardistische Schriftstellerin. Eine Hürde gibt es aber: Ich habe kein Mitleid, weder mit mir selbst, noch mit dem Leser und deswegen ist es emotional schwierig meine Bücher zu lesen, nicht intellektuell.
Kasten:
Asli Erdogan, geboren 1967 in Istanbul, studierte Informatik und Physik und arbeitete am Kernforschungszentrum CERN in Genf. Später ging sie für einige Jahre nach Rio de Janeiro und lebt heute wieder in Istanbul. 1994 wurde ihr erster Roman veröffentlicht. 1996 „Der wundersame Mandarin“ (erscheint im Herbst auf Deutsch im Verlag Galata) und seither arbeitet sie als freie Schriftstellerin. Neben ihrer Vortragstätigkeit schreibt sie auch politisch engagierte Kolumnen und Artikel. By Tobias Hierl – Buchkultur Magazine
Heiß, schwül und aufbrausend
Faszination Rio: „Die Stadt mit der roten Pelerine’
Die Stadt Rio und die Protagonistin des Romans haben etwas bedrückend Ge¬meinsames: Sie sind heiß, schwül, aufbrausend und aufregend. Die türkische Akademikerin Özgür hat ihr Leben von Istanbul nach Rio de Janeiro verlegt. Ein Neuanfang? Ein Absturz? Ermattet von der Hitze und vom materiellen Überlebenskampf, driftet sie mehr durch den Alltag, als dass sie wirklich lebt. Der Gedanke an den Tod, der in Rio so präsent ist, will sie in ihren Gedanken nicht loslassen. Özgür sinniert über die Vergänglichkeit des Lebens und beginnt über die Labyrinthe des Daseins zu schreiben. Es ist ein Roman im Roman. Die Hauptfigur heißt Ö. und es wird nie ganz klar, wer hier eigentlich über wen erzählt. Özgür über Ö., oder Ö. über Özgür.
Längst ist sie dem bedrohlichen Sog Rios verfallen, jener Stadt am „Januarfluss”, ihrer „roten Pelerine”, einem Umhang aus Blut und Gewalt, der sie nicht mehr freigeben will. „Warum kommst du nicht zurück?” fragt ihre Mutter, und das unterkühlte Telefonat lässt ah¬nen, warum Özgür nicht an die Stadt am Bos¬porus zurückkehren wird. Sie ist auf der Suche nach sich selbst, nach ihrem vergessenen Kör¬per, nach Liebe. Sie spaltet sich. In der Samba Metropole lebt sie ihre Weiblichkeit jenseits aller Rollenmodelle und verwahrlost dabei, weil sie sich neben Kaffee, Koks und Zigaretten nicht viel gönnt. Einerseits scheint sie gegenüber den Abertausenden Obdachlosen der Stadt privilegiert, das Elend regiert aber in ihrem Herzen. Der Roman „Die Stadt mit der roten Pelerine” der in Istanbul geborenen Autorin Asli Erdogan ist eine faszinierende Mischung aus Beobachtung, innerem Monolog, aus szenischen Wechseln, Beobachtungen, Dokumentarpassagen, Theaterspiel und die Reise in ein schillerndes Universum. Der Weg mit Özgür führt hinein in die Straßen Rio de Janeiros. Henein in ein Labyrinth, dar sehr grob, wenn nicht unübershaubar ist, und ienen über knapp, 200 Seiten nicht freilassen will. By Michaela Krüger
Rio de Janeiro gesehen aus dem Blickwinkel einer türkischen
Özgür lebt seit zwei Jahren in Rio. Sie ist fasziniert vom Zauber der Stadt und gleichzeitig abgestoßen von der diesen Moloch beherrschenden Gewalt. Um das alles verarbeiten zu können, schreibt sie ein Buch: ”Die Stadt mit der roten Pelerine.” Die Farbe Rot steht dabei nicht nur für die überschäumende Lebensfreude und eine offen zur Schau gestellte Sexualität, sondern auch für Blut, Mord und Totschlag. Nicht nur in den Zeiten des Karnevals bestimmen Trommeln, frenetische Musik, Tanz und Sex den Rhythmus der Stadt und gehen dabei mit der Armut und dem Tod eine beständige und schauerliche Verbindung ein. Obwohl laufend in der Gefahr, überfallen zu werden, bleibt Özgür in Rio. Da Schreiben und Erleben, Autorin und Protagonistin immer mehr zu einer Einheit werden, lässt Asli Erdogan konsequenterweise Özgürs Ermordung mit der Fertigstellung ihres Buches zusammenfallen. Hier schreibt eine Türkin auf sehr lebendige und realistische Weise über Rio de Janeiro, eine Stadt, die in allen Bereichen so ganz anders ist als ihre Heimatstadt Istanbul. Unter interkulturellen Aspekten ein hochinteressantes Buch. By Josef Schnurrer
Doppelgänger in einer Janusköpfigen Stadt
Klappentext: Rio de Janeiro: Stadt des Karnevals, Meisterin im Spiel der Täuschungsmanöver, der Zufälle und der Maskerade. Özgiir, eine introvertierte junge türkische Akademikerin, kann sich von der ebenso faszinierenden wie bedrohlichen Stadt nicht lösen, ja sie fühlt sich vielmehr angezogen von der scheinbar grenzenlosen Freiheit und der Lebensfreude der brasilianischen Metropole. Weit entfernt hat sich dabei die junge Frau von der traditionellen Frauenrolle, wie sie die türkische Gesellschaft vorsieht. Xicht wie eine Touristin führt Özgür den Leser durch die Labyrinthe dieser Großstadt, sondern wie eine Migrantin, die das zunächst Fremde als Vertrautes und Eigenes akzeptiert. Gleichzeitig ist die Stadt Impuls für ihr Schreiben und für die Schöpfung ihrer fiktiven Doppelgängerin Ö. die beiden Erzählebenen, auf mannigfache Weise miteinander verflochten, spiegeln sich ineinander. Passagen, die aus einem Reiseführer stammen könnten, folgen surrealen Szenen, satirische Momente wechseln sich mit Zeitungsmeldungen ab. Die Reise in die Straßen Rio de Janeiros, immer begleitet von brasilianischen Rhythmen, führt mitten hinein in die Tiefen der Stadt mit ihren aufmüpfigen Favelas. Atemberaubend ist die nuancierte Feinzeichnung der Menschen, die in Liebe und Leid auf oftmals tödliche Weise miteinander verschmelzen.
Asli Erdogan, 1967 in Istanbul geboren, studierte Informatik und Physik an der Bosporus Universität in Istanbul und machte dort 1993 ihren Abschluss. 1990 gewann Asli Erdogan den viel beachteten Yunus Nadi Preis. Vier Jahre später gab sie ihre Karriere als Physikerin auf und konzentrierte sich auf das Schreiben. 1996 erschien ihr erster Roman „Mucizevi Mandarin” (Der wundervolle Mandarin), und seither lebt die Autorin als freie Schriftstellerin in Istanbul. Erdogan ist Mitglied des PEN” und der türkischen Schriftstellervereinigung sowie Gründungsmitglied des Kunst und Literaturforums von Diyarbakir, wo sie regelmäßig Workshops, Seminare und Vorlesungen abhält. In ihren Werken erkundet sie stets das Fremde, das Andere vor dem Hintergrund der türkischen Gesellschaft und der globalen Entwicklungen. In ihren Romanen versucht sie, Erfahrungen wie Leid, Einsamkeit und Gewalt etwas entgegenzusetzen.
Tag der Feuerwerke
Plötzlich waren wieder Schüsse zu hören. Özgür fuhr vor Schreck zusammen, das Glas in ihrer linken Hand fiel zu Boden. Ihr ganzer Körper zuckte, als würde man ihm Stromschläge verpassen. Aus jeder Pore drang Schweiß, dennoch fühlte sie sich hart an wie Eis. In ihren Augen standen Tränen, die brannten wie Säure, aber sie konnte nicht weinen „Aufhören! Genug! Ich halts nicht mehr aus! Mein Gott, mach dieser Folter endlich ein Ende! Siehst du denn nicht, dass ich nicht mehr kann?”
Der Nervenzusammenbruch dauerte nur ein paar Minuten, dann hatte sie sich wieder gefasst. Mit der Gewissenhaftigkeit eines Offiziers lauschte sie dem Monolog einer halbautomatischen Schnellfeuerwaffe. Als ihr Idar geworden war, dass die Schüsse nicht aus den auf der Anhöhe gelegenen Favelas, sondern aus dem benachbarten Tal kamen, ging sie wieder ins Haus zurück. Es tröstete sie zu sehen, dass ihr einziges Glas nicht zerbrochen und kein einziger Tropfen Tee auf ihr Heft gefallen war. Sie lächelte sogar, als sie merkte, dass die verschwitzten Finger ihrer rechten Hand den Stift während des ganzen Anfalls krampfhaft festgehalten hatten.
Die beiden riesigen Favelas, die sich von den Flanken der Anhöhe von Santa Teresa bis zum Dschungel erstrecken, bekämpfen sich nun schon seit acht Tagen. Die etwa sechshundert Favelas, die das sonst so überwältigend schöne Gesicht Rios wie Pockennarben entstellen, werden seit der Zeit der Militärjunta von einer der mächtigsten Organisationen Lateinamerikas kontrolliert, dem Comando Vermelho.
In den Favelas verging kein Tag ohne Kämpfe: Entweder gerieten konkurrierende Banden beim Verteilen von Kokain aneinander, oder die Polizei unternahm Razzien mit fünfzig Mann starken, bis an die Zähne bewaffneten Einheiten, wenn ihnen das Schmiergeld zu gering war. Aber nun waren in Santa Teresa die schrecklichsten Kämpfe ausgebrochen, die Özgür während ihrer zwei Jahre in Rio erlebt hatte. Seit letztem Samstag setzte schon morgens mit den ersten Sonnenstrahlen ein Getöse ein, entfacht von Infanteriegewehren, Uzi—Maschinenpistolen und Handgranaten, das den ganzen Tag andauerte. Özgür, die noch vor zwei Nächten in den jetzt dunklen und totenstillen Straßen von Santa Teresa herumspaziert war, sah, wie ein halbes Dutzend Busse, die vollgestopft waren mit Soldaten und aus deren Fenstern lange Gewehrläufe ragten, lautlos und ohne Licht den Berg erklommen. Mit dem Eingreifen des Militärs waren die Kämpfe keineswegs beendet, im Gegenteil, sie gerieten völlig außer Kontrolle.
Noch vorgestern halte sie diese Schüsse bloß als eine weitere Lärmquelle in diesem unablässig dröhnenden Rio angesehen, als eine weitere Störung, die sie daran hinderte, sich auf ihren Roman zu konzentrieren, oder sie glaubte zunächst, sie als solche zu sehen. Bis es mit ihren Nervenzusammen brüchen losging.
Heute war irgendein Sonntag. Ein ganz normaler Sonntag. Wieder so ein trister, trostloser Tag, der, wie schon die Tage zuvor, ohne irgendeine Hoffnung, Erwartung oder Bedeutung verstrich. Der Tag der Feuerwerke.
Obwohl es erst Anfang Dezember war, hatte sich eine entsetzliche Hitze über der Stadt ausgebreitet, die anschwoll und in Wellen über sie hereinbrach. Die Temperatur sollte nun wochen und monatelang nicht mehr unter vierzig Grad sinken. Die überall in den Straßen der Stadl angebrachten Thermometer sollten jetzt wie unter der Achsel eines Gelbfieberkranken Werte um die zweiundvierzig Grad anzeigen. Wie im Wahn stürzt sich die Hitze auf die Menschen, drückt ihnen die Kehle zu und raubt ihnen den Atem. Die Stadt verwandelt sich dann in einen riesigen Ofen, in dem die Menschen bei lebendigem Leib langsam schmoren. Die Sonne reißt sich die Maske der freigiebigen Königin, die sie das ganze Jahr getragen hat, herunter und gebärdet sich wie eine mordlüsterne Tyrannin. Die Luft saugt so viel Feuchtigkeit wie möglich auf und kondensiert sie zu Wasser. Die legendäre Feuchtigkeit der Tropen.
Özgürs Unterkunft bestand aus einem Wohnraum, so schmal und lang wie ein Trog, einer Küche, die sie „Gruft” nannte, und einem Bad voller Blutegel, die sie nicht umbringen konnte, weil sie sich so vor ihnen ekelte. Die Wohnung war eine von sechs Appartements einer schneeweißen, mit Säulen und ähnlichem Schnickschnack verzierten Villa, die den hochtrabenden Namen ..Villa Branca” trug. Der Abhang ins Tal von Santa Teresa war derart steil, dass sich die hinteren Fenster ebenerdig zu einem Dschungel aus wilden Gräsern und dornigen Sträuchern hin öffneten, während sich der Balkon auf der Vorderseite mindestens drei Meter über dem Boden befand. Durch die Fenster, die wegen der Hitze Tag und Nacht geöffnet waren, drangen Termiten, Eidechsen, Heuschrecken, handtellergroße Kakerlaken und manchmal sogar herrenlose, vom Hunger geschwächte Katzen ein. Auch Özgiir war einmal hinausgeklettert und hatte versucht, sich durch diesen Dschungel zu kämpfen, aber sie hatte noch keine zwei Schritte getan, da waren ihre Hände und ihr Gesicht schon völlig zerkratzt. Obwohl sie wusste, dass kein Tier, das größer war als eine Katze, das Dornendickicht durchdringen konnte, erschreckten sie die nächtlichen Geräusche aus dem Garten zu Tode. Sie hatte kein Geld für einen Ventilator. Aber der ausgesprochen geizige und halsabschneiderische Hausbesitzer Professor Botelho verweigerte seinen Mietern, obwohl er widerwärtig reich war, eine Klimaanlage, die hier ebenso lebenswichtig ist wie in Stockholm die Heizung. Er war der maßgebliche Berater des rechtsgerichteten Bürgermeisters, spielte sich wegen seines akademischen Titels und seiner rein europäischen Abstammung auf und war sehr darauf bedacht, vornehm und bedeutend zu erscheinen, wie es seinem eigenen und dem Rang seiner Vorfahren angemessen war. Obendrein war er auch noch Sauberkeitsfanatiker; er vergötterte Regeln, Ordnung und Formalien. Den der Straße zugewandten Teil des Gartens schmückte er mit griechischen Götterstatuen aus feinstem Marmor, mit Lampen, die aufdringlich an Paris erinnerten, und mit eleganten Treppen, die zwischen Bananenstauden und Mangobäumen zu schweben schienen. Doch die Art und Weise, wie er die Appartements eingerichtet hatte, verriet, dass seine goldglänzende Persönlichkeit nur Fassade war. In Özgürs Wohnzimmer hatte er ein riesiges, hässliches, steinhartes Bett, Aluminiumregale und ein kunstledernes Klappsofa gestellt, das aussah, als hätte man es aus dem Rathaus entwendet; zwischen all dem Gerümpel stand ein schwerer, wuchtiger Mahagonitisch mit acht Stühlen, die viel zu viel Platz wegnahmen. Auf clem Balkon hatte er außerdem die für Rios Häuser obligatorische Hängematte angebracht; an der Tür hingen auf Schnüre gefädelte Muscheln, die beim leisesten Windhauch ohrenbetäubend rasselten, denn nach einer brasilianischen Glaubensvorstellung, die ursprünglich aus Afrika stammt, bringen Muscheln Glück. An einer der grauen Wände, die unangenehme Assoziationen an die Korridore von Krankenhäusern oder Gerichtsgebäuden wachriefen, hing ein Schwarz-Weiß Poster, das Prof. Botelho im New Yorker Metropolitan Museum gekauft und das er aufwändig hatte rahmen lassen: die Nahaufnahme eines Paares, das sich küsst und dessen geöffnete Lippen leicht ölig schimmern. Früher einmal hatte Özgiir die steife, verhaltene, fast förmliche Sinnlichkeit der Fotografie erregend gefunden. Sie sehnte sich danach, ihre Lippen an die Lippen dieses krawattetragenden Mannes auf dem Bild zu pressen. Vor allem nachts, wenn sie ihre Einsamkeit in dieser so bedrückenden, erstickenden Atmosphäre des Hauses als ein von ihr unabhängiges, schwer zu zähmendes, überschäumendes, unkontrollierbares, fast zerberstendes Wesen wahrnahm. Nicht um ihn zu küssen, sondern wie ein hungriger kleiner Vogel, der sich nach dem Schnabel seiner Mutter reckt.
Ich bin allein in diesen halbwilden Landstrichen, bin alleine und habe dieses ganz neue Gefühl von Freiheit und Isolation. (Einsam, allein, herrenlos, frei, verwaist… Im Türkischen kann ich nacheinander mehrere Adjektive dafür aufzählen, aber ich kann keine Brücke schlagen zwischen diesen Ausdrücken und der Wirklichkeit.) Es ist eine absolute, eine infernalische Freiheit, niemanden zu haben, der spürt, welche Bedürfnisse ich habe, ja, nicht einmal einen Aufpasser zu haben. Ich kann irgendwelche Lügen in die Welt setzen, ich kann mir die Vergangenheit so zurechtbiegen, wie ich sie gern gehabt hätte, und ich kann den sündigsten Fantasien nachhängen. In dem Moment, in dem ich merke, dass ich mit Sicherheit durch die Hintertür entwischen kann, bin ich fähig, die entsetzlichsten Verbrechen zu begehen. In einem Buch habe ich einmal gelesen, dass ein Kanarienvogel, dem man den Käfig öffnet, sofort herausflattert und zum Fensterßiegt. Wenn man ihm aber auch noch das Fenster aufmacht, tut er das einzig Richtige und fliegt so der Autor in seinen Käfig zurück, was ihn vor dem Tod bewahrt.
Manchmal jage ich einigen bruchstückhaften Erinnerungen bis an die andere Seite des Atlantiks hinterher. Im grellen Licht der Tropen verwischen oder besser, verschwinden die Umrisse der Vergangenheit. Der Ozean, dieser tosende, stürmische, unsterbliche Ozean begrub all meine Meere unter sich. Das schrille Krächzen von Papageien löst jetzt mehr Assoziationen in mir aus eds das Schreien der Möwen.
Filterkaffee zu trinken statt starken Tee. mit den Wellen des Atlantiks zu ringen statt im stillen, zurückhaltenden Binnenmeer so weit wie möglich hinauszuschwimmen, in einer romanischen Sprache zu träumen… Das sind Veränderungen, über die ich hinwegkommen konnte, aber es gibt auch solche, an die man sich niemals gewöhnt. Ich spreche nicht von launischen Gelüsten nach Schafskäse, Sedbeitee und dem Bosporus. Ich sehne mich nach schlichteren Dingen, Kirschen zum Beispiel. Manchmal lege ich mich aufs Bett und träume von einer Schale voll dunkelroter Kirschen mit winzigen Eisstückchen darauf fast ein erotischer Traum. So einfach, so unkompliziert, so schlicht. Ich sehne mich nach dem Wechsel der Jahreszeiten, danach, wie die Blätter, die sich erst Ader für Ader mit roten Linien schmücken, in Flammen aufgehen und mit dem Verglühen des Feuers vertrocknen und vergilben … Wie sie plötzlich eines morgens keine Kraft mehr haben und majestätisch zu Boden sinken. Ich sehne mich nach ziellosen Spaziergängen mit blaugefrorenen Lippen, wenn mir der Nordostwind ins Gesicht peitscht, nach dem unvergleichlichen ersten Schluck eines herrlichen ’Tees, den man trinkt, wenn man die Kälte nicht mehr aushalten kann. Ich sehne mich sogar nach diesem schrecklichen Februarschnee, der mich früher immer angewidert hatte, nach clen verschneiten Buchenwäldern, Tundren und Steppen, die ich noch nie gesehen habe. Hier ist das Thermometer ganze sechs Wochen nicht unter vierzig Grad gefallen, und der Geruch von Lederjacken steigt mir in die Nase. Außerdem sehne ich mich danach spazieren zu gehen, wann immer ich Lust habe, ohne meine Uhr in der Tasche verstecken zu müssen, ohne mich ständig umsehen und die Handtasche krampfhaft festhalten zu müssen, ohne mich vor einer Pistole zu fürchten, die mir irgendwer jeden Moment an den Kopf halten könnte. Ich sehne mich nach Schlaf der nicht von Schüssen unterbrochen wird. Ich reiße meine Augen sperrangelweit auf bin ständig auf der Hut, zünde immer wieder eine Zigarette an der anderen an, aber was ich auch mache, es gelingt mir nicht, das ständige Zittern meiner Lippen zu unterdrücken.
Trotz allem gibt es auch etwas, was ich gewonnen habe. Zum Beispiel muss ich keinen Ausweis mit mir herumtragen. In meinen Stammkneipen, die die ganze Nacht geöffnet haben, schaut sich niemand nach mir um, wenn ich keinen Büstenh trage. An Tagen, an denen es über vierzig Grad heiß ist, trage ich sogar überhaupt keine Unterwäsche. Ich habe Faltenröcke, die knapp unterm Po enden, knallenge Shorts und Tangas, und ich liebe es, meinen eigenen Körper zu betrachten, der erst speit seine Weiblichkeit entwickelt hat. Es gefällt mir zu spüren, wenn meine Haare, die seit einem Jahr keine Schere mehr gesehen haben, wie bei wilden Fohlen auf dem Rücken hin und her schwingen. Wenn diese Stadt nicht so windstill wäre und ich meiner Wahrheitsliebe einen Augenblick entiuischen könnte, hätte ich geschrieben: „Sie wehten im Wind.” Aber Rio ist völlig windstill, die Stadt hat keinen Atem oder besser gesagt, sie hat keine Seele. Ich kann in Restaurants, Bars oder auf Gehsteigen tanzen, in Bussen rauchen oder mit jedem beliebigen Mann schlafen. Hier habe ich den Freibrief, meine niedrigsten Triebe voll und ganz auszuleben. Wenn ich vierhundert Dollar übrig hätte, könnte ich einen Killer engagieren. Sehne ich mich etwa nach den Zwängen der Alten Welt, die ein Teil meiner Persönlichkeit, vielleicht auch ihre Stütze sind?
Flieg zurück in deinen Käfig, kleiner Kanarienvogel, flieg in deinen Keifig! Solange noch Zeit ist. Dieses offene Fenster ist dein Verderben!
Diesen Text fand sie beim Durchblättern ihrer alten Hefte zwischen Notizen zur Geografie und der Beugung portugiesischer Verben. Sie musste ihn während ihrer ersten Trockenzeit in den Tropen geschrieben haben. Sie mochte diese Unschuld, diese kindliche Naivität, die sich hinter ihren Klagen verbargen. „Ich konnte meine Einsamkeit keineswegs besiegen”, dachte sie. „Aber ich bin anscheinend über sie hinausgewachsen — indem ich sie ganz fest umschlang, bin ich gereift. Wie einen Embryo trage ich sie nun in mir, sie liegt an meiner Brust wie ein Medaillon.” By Die Berliner Literaturkritik

