Heiß, schwül und aufbrausend

Faszination Rio: „Die Stadt mit der roten Pelerine’

Die Stadt Rio und die Protagonistin des Romans haben etwas bedrückend Ge¬meinsames: Sie sind heiß, schwül, aufbrausend und aufregend. Die türkische Akademikerin Özgür hat ihr Leben von Istanbul nach Rio de Janeiro verlegt. Ein Neuanfang? Ein Absturz? Ermattet von der Hitze und vom materiellen Überlebenskampf, driftet sie mehr durch den Alltag, als dass sie wirklich lebt. Der Gedanke an den Tod, der in Rio so präsent ist, will sie in ihren Gedanken nicht loslassen. Özgür sinniert über die Vergänglichkeit des Lebens und beginnt über die Labyrinthe des Daseins zu schreiben. Es ist ein Roman im Roman. Die Hauptfigur heißt Ö. und es wird nie ganz klar, wer hier eigentlich über wen erzählt. Özgür über Ö., oder Ö. über Özgür.
Längst ist sie dem bedrohlichen Sog Rios verfallen, jener Stadt am „Januarfluss”, ihrer „roten Pelerine”, einem Umhang aus Blut und Gewalt, der sie nicht mehr freigeben will. „Warum kommst du nicht zurück?” fragt ihre Mutter, und das unterkühlte Telefonat lässt ah¬nen, warum Özgür nicht an die Stadt am Bos¬porus zurückkehren wird. Sie ist auf der Suche nach sich selbst, nach ihrem vergessenen Kör¬per, nach Liebe. Sie spaltet sich. In der Samba Metropole lebt sie ihre Weiblichkeit jenseits aller Rollenmodelle und verwahrlost dabei, weil sie sich neben Kaffee, Koks und Zigaretten nicht viel gönnt. Einerseits scheint sie gegenüber den Abertausenden Obdachlosen der Stadt privilegiert, das Elend regiert aber in ihrem Herzen. Der Roman „Die Stadt mit der roten Pelerine” der in Istanbul geborenen Autorin Asli Erdogan ist eine faszinierende Mischung aus Beobachtung, innerem Monolog, aus szenischen Wechseln, Beobachtungen, Dokumentarpassagen, Theaterspiel und die Reise in ein schillerndes Universum. Der Weg mit Özgür führt hinein in die Straßen Rio de Janeiros. Henein in ein Labyrinth, dar sehr grob, wenn nicht unübershaubar ist, und ienen über knapp, 200 Seiten nicht freilassen will. By Michaela Krüger

Rio de Janeiro gesehen aus dem Blickwinkel einer türkischen

Özgür lebt seit zwei Jahren in Rio. Sie ist fasziniert vom Zauber der Stadt und gleichzeitig abgestoßen von der diesen Moloch beherrschenden Gewalt. Um das alles verarbeiten zu können, schreibt sie ein Buch: ”Die Stadt mit der roten Pelerine.” Die Farbe Rot steht dabei nicht nur für die überschäumende Lebensfreude und eine offen zur Schau gestellte Sexualität, sondern auch für Blut, Mord und Totschlag. Nicht nur in den Zeiten des Karnevals bestimmen Trommeln, frenetische Musik, Tanz und Sex den Rhythmus der Stadt und gehen dabei mit der Armut und dem Tod eine beständige und schauerliche Verbindung ein. Obwohl laufend in der Gefahr, überfallen zu werden, bleibt Özgür in Rio. Da Schreiben und Erleben, Autorin und Protagonistin immer mehr zu einer Einheit werden, lässt Asli Erdogan konsequenterweise Özgürs Ermordung mit der Fertigstellung ihres Buches zusammenfallen. Hier schreibt eine Türkin auf sehr lebendige und realistische Weise über Rio de Janeiro, eine Stadt, die in allen Bereichen so ganz anders ist als ihre Heimatstadt Istanbul. Unter interkulturellen Aspekten ein hochinteressantes Buch. By Josef Schnurrer

Doppelgänger in einer Janusköpfigen Stadt

Klappentext: Rio de Janeiro: Stadt des Karnevals, Meisterin im Spiel der Täuschungsmanöver, der Zufälle und der Maskerade. Özgiir, eine introvertierte junge türkische Akademikerin, kann sich von der ebenso faszinierenden wie bedrohlichen Stadt nicht lösen, ja sie fühlt sich vielmehr angezogen von der scheinbar grenzenlosen Freiheit und der Lebensfreude der brasilianischen Metropole. Weit entfernt hat sich dabei die junge Frau von der traditionellen Frauenrolle, wie sie die türkische Gesellschaft vorsieht. Xicht wie eine Touristin führt Özgür den Leser durch die Labyrinthe dieser Großstadt, sondern wie eine Migrantin, die das zunächst Fremde als Vertrautes und Eigenes akzeptiert. Gleichzeitig ist die Stadt Impuls für ihr Schreiben und für die Schöpfung ihrer fiktiven Doppelgängerin Ö. die beiden Erzählebenen, auf mannigfache Weise miteinander verflochten, spiegeln sich ineinander. Passagen, die aus einem Reiseführer stammen könnten, folgen surrealen Szenen, satirische Momente wechseln sich mit Zeitungsmeldungen ab. Die Reise in die Straßen Rio de Janeiros, immer begleitet von brasilianischen Rhythmen, führt mitten hinein in die Tiefen der Stadt mit ihren aufmüpfigen Favelas. Atemberaubend ist die nuancierte Feinzeichnung der Menschen, die in Liebe und Leid auf oftmals tödliche Weise miteinander verschmelzen.

Asli Erdogan, 1967 in Istanbul geboren, studierte Informatik und Physik an der Bosporus Universität in Istanbul und machte dort 1993 ihren Abschluss. 1990 gewann Asli Erdogan den viel beachteten Yunus Nadi Preis. Vier Jahre später gab sie ihre Karriere als Physikerin auf und konzentrierte sich auf das Schreiben. 1996 erschien ihr erster Roman „Mucizevi Mandarin” (Der wundervolle Mandarin), und seither lebt die Autorin als freie Schriftstellerin in Istanbul. Erdogan ist Mitglied des PEN” und der türkischen Schriftstellervereinigung sowie Gründungsmitglied des Kunst und Literaturforums von Diyarbakir, wo sie regelmäßig Workshops, Seminare und Vorlesungen abhält. In ihren Werken erkundet sie stets das Fremde, das Andere vor dem Hintergrund der türkischen Gesellschaft und der globalen Entwicklungen. In ihren Romanen versucht sie, Erfahrungen wie Leid, Einsamkeit und Gewalt etwas entgegenzusetzen.

Tag der Feuerwerke
Plötzlich waren wieder Schüsse zu hören. Özgür fuhr vor Schreck zusammen, das Glas in ihrer linken Hand fiel zu Boden. Ihr ganzer Körper zuckte, als würde man ihm Stromschläge verpassen. Aus jeder Pore drang Schweiß, dennoch fühlte sie sich hart an wie Eis. In ihren Augen standen Tränen, die brannten wie Säure, aber sie konnte nicht weinen „Aufhören! Genug! Ich halts nicht mehr aus! Mein Gott, mach dieser Folter endlich ein Ende! Siehst du denn nicht, dass ich nicht mehr kann?”
Der Nervenzusammenbruch dauerte nur ein paar Minuten, dann hatte sie sich wieder gefasst. Mit der Gewissenhaftigkeit eines Offiziers lauschte sie dem Monolog einer halbautomatischen Schnellfeuerwaffe. Als ihr Idar geworden war, dass die Schüsse nicht aus den auf der Anhöhe gelegenen Favelas, sondern aus dem benachbarten Tal kamen, ging sie wieder ins Haus zurück. Es tröstete sie zu sehen, dass ihr einziges Glas nicht zerbrochen und kein einziger Tropfen Tee auf ihr Heft gefallen war. Sie lächelte sogar, als sie merkte, dass die verschwitzten Finger ihrer rechten Hand den Stift während des ganzen Anfalls krampfhaft festgehalten hatten.
Die beiden riesigen Favelas, die sich von den Flanken der Anhöhe von Santa Teresa bis zum Dschungel erstrecken, bekämpfen sich nun schon seit acht Tagen. Die etwa sechshundert Favelas, die das sonst so überwältigend schöne Gesicht Rios wie Pockennarben entstellen, werden seit der Zeit der Militärjunta von einer der mächtigsten Organisationen Lateinamerikas kontrolliert, dem Comando Vermelho.
In den Favelas verging kein Tag ohne Kämpfe: Entweder gerieten konkurrierende Banden beim Verteilen von Kokain aneinander, oder die Polizei unternahm Razzien mit fünfzig Mann starken, bis an die Zähne bewaffneten Einheiten, wenn ihnen das Schmiergeld zu gering war. Aber nun waren in Santa Teresa die schrecklichsten Kämpfe ausgebrochen, die Özgür während ihrer zwei Jahre in Rio erlebt hatte. Seit letztem Samstag setzte schon morgens mit den ersten Sonnenstrahlen ein Getöse ein, entfacht von Infanteriegewehren, Uzi—Maschinenpistolen und Handgranaten, das den ganzen Tag andauerte. Özgür, die noch vor zwei Nächten in den jetzt dunklen und totenstillen Straßen von Santa Teresa herumspaziert war, sah, wie ein halbes Dutzend Busse, die vollgestopft waren mit Soldaten und aus deren Fenstern lange Gewehrläufe ragten, lautlos und ohne Licht den Berg erklommen. Mit dem Eingreifen des Militärs waren die Kämpfe keineswegs beendet, im Gegenteil, sie gerieten völlig außer Kontrolle.
Noch vorgestern halte sie diese Schüsse bloß als eine weitere Lärmquelle in diesem unablässig dröhnenden Rio angesehen, als eine weitere Störung, die sie daran hinderte, sich auf ihren Roman zu konzentrieren, oder sie glaubte zunächst, sie als solche zu sehen. Bis es mit ihren Nervenzusammen brüchen losging.
Heute war irgendein Sonntag. Ein ganz normaler Sonntag. Wieder so ein trister, trostloser Tag, der, wie schon die Tage zuvor, ohne irgendeine Hoffnung, Erwartung oder Bedeutung verstrich. Der Tag der Feuerwerke.
Obwohl es erst Anfang Dezember war, hatte sich eine entsetzliche Hitze über der Stadt ausgebreitet, die anschwoll und in Wellen über sie hereinbrach. Die Temperatur sollte nun wochen und monatelang nicht mehr unter vierzig Grad sinken. Die überall in den Straßen der Stadl angebrachten Thermometer sollten jetzt wie unter der Achsel eines Gelbfieberkranken Werte um die zweiundvierzig Grad anzeigen. Wie im Wahn stürzt sich die Hitze auf die Menschen, drückt ihnen die Kehle zu und raubt ihnen den Atem. Die Stadt verwandelt sich dann in einen riesigen Ofen, in dem die Menschen bei lebendigem Leib langsam schmoren. Die Sonne reißt sich die Maske der freigiebigen Königin, die sie das ganze Jahr getragen hat, herunter und gebärdet sich wie eine mordlüsterne Tyrannin. Die Luft saugt so viel Feuchtigkeit wie möglich auf und kondensiert sie zu Wasser. Die legendäre Feuchtigkeit der Tropen.
Özgürs Unterkunft bestand aus einem Wohnraum, so schmal und lang wie ein Trog, einer Küche, die sie „Gruft” nannte, und einem Bad voller Blutegel, die sie nicht umbringen konnte, weil sie sich so vor ihnen ekelte. Die Wohnung war eine von sechs Appartements einer schneeweißen, mit Säulen und ähnlichem Schnickschnack verzierten Villa, die den hochtrabenden Namen ..Villa Branca” trug. Der Abhang ins Tal von Santa Teresa war derart steil, dass sich die hinteren Fenster ebenerdig zu einem Dschungel aus wilden Gräsern und dornigen Sträuchern hin öffneten, während sich der Balkon auf der Vorderseite mindestens drei Meter über dem Boden befand. Durch die Fenster, die wegen der Hitze Tag und Nacht geöffnet waren, drangen Termiten, Eidechsen, Heuschrecken, handtellergroße Kakerlaken und manchmal sogar herrenlose, vom Hunger geschwächte Katzen ein. Auch Özgiir war einmal hinausgeklettert und hatte versucht, sich durch diesen Dschungel zu kämpfen, aber sie hatte noch keine zwei Schritte getan, da waren ihre Hände und ihr Gesicht schon völlig zerkratzt. Obwohl sie wusste, dass kein Tier, das größer war als eine Katze, das Dornendickicht durchdringen konnte, erschreckten sie die nächtlichen Geräusche aus dem Garten zu Tode. Sie hatte kein Geld für einen Ventilator. Aber der ausgesprochen geizige und halsabschneiderische Hausbesitzer Professor Botelho verweigerte seinen Mietern, obwohl er widerwärtig reich war, eine Klimaanlage, die hier ebenso lebenswichtig ist wie in Stockholm die Heizung. Er war der maßgebliche Berater des rechtsgerichteten Bürgermeisters, spielte sich wegen seines akademischen Titels und seiner rein europäischen Abstammung auf und war sehr darauf bedacht, vornehm und bedeutend zu erscheinen, wie es seinem eigenen und dem Rang seiner Vorfahren angemessen war. Obendrein war er auch noch Sauberkeitsfanatiker; er vergötterte Regeln, Ordnung und Formalien. Den der Straße zugewandten Teil des Gartens schmückte er mit griechischen Götterstatuen aus feinstem Marmor, mit Lampen, die aufdringlich an Paris erinnerten, und mit eleganten Treppen, die zwischen Bananenstauden und Mangobäumen zu schweben schienen. Doch die Art und Weise, wie er die Appartements eingerichtet hatte, verriet, dass seine goldglänzende Persönlichkeit nur Fassade war. In Özgürs Wohnzimmer hatte er ein riesiges, hässliches, steinhartes Bett, Aluminiumregale und ein kunstledernes Klappsofa gestellt, das aussah, als hätte man es aus dem Rathaus entwendet; zwischen all dem Gerümpel stand ein schwerer, wuchtiger Mahagonitisch mit acht Stühlen, die viel zu viel Platz wegnahmen. Auf clem Balkon hatte er außerdem die für Rios Häuser obligatorische Hängematte angebracht; an der Tür hingen auf Schnüre gefädelte Muscheln, die beim leisesten Windhauch ohrenbetäubend rasselten, denn nach einer brasilianischen Glaubensvorstellung, die ursprünglich aus Afrika stammt, bringen Muscheln Glück. An einer der grauen Wände, die unangenehme Assoziationen an die Korridore von Krankenhäusern oder Gerichtsgebäuden wachriefen, hing ein Schwarz-Weiß Poster, das Prof. Botelho im New Yorker Metropolitan Museum gekauft und das er aufwändig hatte rahmen lassen: die Nahaufnahme eines Paares, das sich küsst und dessen geöffnete Lippen leicht ölig schimmern. Früher einmal hatte Özgiir die steife, verhaltene, fast förmliche Sinnlichkeit der Fotografie erregend gefunden. Sie sehnte sich danach, ihre Lippen an die Lippen dieses krawattetragenden Mannes auf dem Bild zu pressen. Vor allem nachts, wenn sie ihre Einsamkeit in dieser so bedrückenden, erstickenden Atmosphäre des Hauses als ein von ihr unabhängiges, schwer zu zähmendes, überschäumendes, unkontrollierbares, fast zerberstendes Wesen wahrnahm. Nicht um ihn zu küssen, sondern wie ein hungriger kleiner Vogel, der sich nach dem Schnabel seiner Mutter reckt.
Ich bin allein in diesen halbwilden Landstrichen, bin alleine und habe dieses ganz neue Gefühl von Freiheit und Isolation. (Einsam, allein, herrenlos, frei, verwaist… Im Türkischen kann ich nacheinander mehrere Adjektive dafür aufzählen, aber ich kann keine Brücke schlagen zwischen diesen Ausdrücken und der Wirklichkeit.) Es ist eine absolute, eine infernalische Freiheit, niemanden zu haben, der spürt, welche Bedürfnisse ich habe, ja, nicht einmal einen Aufpasser zu haben. Ich kann irgendwelche Lügen in die Welt setzen, ich kann mir die Vergangenheit so zurechtbiegen, wie ich sie gern gehabt hätte, und ich kann den sündigsten Fantasien nachhängen. In dem Moment, in dem ich merke, dass ich mit Sicherheit durch die Hintertür entwischen kann, bin ich fähig, die entsetzlichsten Verbrechen zu begehen. In einem Buch habe ich einmal gelesen, dass ein Kanarienvogel, dem man den Käfig öffnet, sofort herausflattert und zum Fensterßiegt. Wenn man ihm aber auch noch das Fenster aufmacht, tut er das einzig Richtige und fliegt so der Autor in seinen Käfig zurück, was ihn vor dem Tod bewahrt.
Manchmal jage ich einigen bruchstückhaften Erinnerungen bis an die andere Seite des Atlantiks hinterher. Im grellen Licht der Tropen verwischen oder besser, verschwinden die Umrisse der Vergangenheit. Der Ozean, dieser tosende, stürmische, unsterbliche Ozean begrub all meine Meere unter sich. Das schrille Krächzen von Papageien löst jetzt mehr Assoziationen in mir aus eds das Schreien der Möwen.
Filterkaffee zu trinken statt starken Tee. mit den Wellen des Atlantiks zu ringen statt im stillen, zurückhaltenden Binnenmeer so weit wie möglich hinauszuschwimmen, in einer romanischen Sprache zu träumen… Das sind Veränderungen, über die ich hinwegkommen konnte, aber es gibt auch solche, an die man sich niemals gewöhnt. Ich spreche nicht von launischen Gelüsten nach Schafskäse, Sedbeitee und dem Bosporus. Ich sehne mich nach schlichteren Dingen, Kirschen zum Beispiel. Manchmal lege ich mich aufs Bett und träume von einer Schale voll dunkelroter Kirschen mit winzigen Eisstückchen darauf fast ein erotischer Traum. So einfach, so unkompliziert, so schlicht. Ich sehne mich nach dem Wechsel der Jahreszeiten, danach, wie die Blätter, die sich erst Ader für Ader mit roten Linien schmücken, in Flammen aufgehen und mit dem Verglühen des Feuers vertrocknen und vergilben … Wie sie plötzlich eines morgens keine Kraft mehr haben und majestätisch zu Boden sinken. Ich sehne mich nach ziellosen Spaziergängen mit blaugefrorenen Lippen, wenn mir der Nordostwind ins Gesicht peitscht, nach dem unvergleichlichen ersten Schluck eines herrlichen ’Tees, den man trinkt, wenn man die Kälte nicht mehr aushalten kann. Ich sehne mich sogar nach diesem schrecklichen Februarschnee, der mich früher immer angewidert hatte, nach clen verschneiten Buchenwäldern, Tundren und Steppen, die ich noch nie gesehen habe. Hier ist das Thermometer ganze sechs Wochen nicht unter vierzig Grad gefallen, und der Geruch von Lederjacken steigt mir in die Nase. Außerdem sehne ich mich danach spazieren zu gehen, wann immer ich Lust habe, ohne meine Uhr in der Tasche verstecken zu müssen, ohne mich ständig umsehen und die Handtasche krampfhaft festhalten zu müssen, ohne mich vor einer Pistole zu fürchten, die mir irgendwer jeden Moment an den Kopf halten könnte. Ich sehne mich nach Schlaf der nicht von Schüssen unterbrochen wird. Ich reiße meine Augen sperrangelweit auf bin ständig auf der Hut, zünde immer wieder eine Zigarette an der anderen an, aber was ich auch mache, es gelingt mir nicht, das ständige Zittern meiner Lippen zu unterdrücken.
Trotz allem gibt es auch etwas, was ich gewonnen habe. Zum Beispiel muss ich keinen Ausweis mit mir herumtragen. In meinen Stammkneipen, die die ganze Nacht geöffnet haben, schaut sich niemand nach mir um, wenn ich keinen Büstenh trage. An Tagen, an denen es über vierzig Grad heiß ist, trage ich sogar überhaupt keine Unterwäsche. Ich habe Faltenröcke, die knapp unterm Po enden, knallenge Shorts und Tangas, und ich liebe es, meinen eigenen Körper zu betrachten, der erst speit seine Weiblichkeit entwickelt hat. Es gefällt mir zu spüren, wenn meine Haare, die seit einem Jahr keine Schere mehr gesehen haben, wie bei wilden Fohlen auf dem Rücken hin und her schwingen. Wenn diese Stadt nicht so windstill wäre und ich meiner Wahrheitsliebe einen Augenblick entiuischen könnte, hätte ich geschrieben: „Sie wehten im Wind.” Aber Rio ist völlig windstill, die Stadt hat keinen Atem oder besser gesagt, sie hat keine Seele. Ich kann in Restaurants, Bars oder auf Gehsteigen tanzen, in Bussen rauchen oder mit jedem beliebigen Mann schlafen. Hier habe ich den Freibrief, meine niedrigsten Triebe voll und ganz auszuleben. Wenn ich vierhundert Dollar übrig hätte, könnte ich einen Killer engagieren. Sehne ich mich etwa nach den Zwängen der Alten Welt, die ein Teil meiner Persönlichkeit, vielleicht auch ihre Stütze sind?
Flieg zurück in deinen Käfig, kleiner Kanarienvogel, flieg in deinen Keifig! Solange noch Zeit ist. Dieses offene Fenster ist dein Verderben!
Diesen Text fand sie beim Durchblättern ihrer alten Hefte zwischen Notizen zur Geografie und der Beugung portugiesischer Verben. Sie musste ihn während ihrer ersten Trockenzeit in den Tropen geschrieben haben. Sie mochte diese Unschuld, diese kindliche Naivität, die sich hinter ihren Klagen verbargen. „Ich konnte meine Einsamkeit keineswegs besiegen”, dachte sie. „Aber ich bin anscheinend über sie hinausgewachsen — indem ich sie ganz fest umschlang, bin ich gereift. Wie einen Embryo trage ich sie nun in mir, sie liegt an meiner Brust wie ein Medaillon.” By Die Berliner Literaturkritik

Die Türkin Asli Erdogan wagt sich nach Rio de Janeiro

Bei Rio de Janeiro denkt man weltweit an Copacabana, Karneval und Zuckerhut, Kriminalität, Favelas und Samba. Die türkische Autorin Asli Erdogan hat es nicht bei dem Blick von außen belassen. Sie versetzt sich in die junge Akademikerin Özgür, die sich fern ihrer Heimatstadt Istanbul das Elend von der Seele schreibt. Özgür ist einsam, aber der Stadt verfallen. Ihre Geschichte spielt in einer bitteren, harten Umgebung, wo ein Menschenleben zwischen zehn und 400 Dollar wert ist.
Özgür durchtanzt tropische Nächte voller Turbulenzen, Drogen und Sex. Sie fühlt sich wie auf dem sprichwörtlichen Vulkan. Auf sich selbst zurückgeworfen, bringt sie die Einsamkeit dann fast um, Eindrücke von Gewalt und Armut treiben sie an den Rand des Wahnsinns. Ihr Name bedeutet übersetzt „die Freie, die Unabhängige”.
Asli Erdogans Romanfiguren sind Obdachlose, Straßenkinder und Liebeswütige, Drogenhändler, Verrückte und Banditen aus dem Alltag Rios. Die Mittelschicht in den gepflegten Wohnvierteln kommt nicht vor. Die Autorin nutzt komplexe Erzählstrukturen, wenn sie von Özgür berichtet, die die Geschichte der Ö. verfasst, und verknüpft so einen authentischen Stoff, Fiktion und journalistische Passagen mit Elementen der Reiseliteratur. Das ist zwar nicht einfach zu lesen, aber dank der poetischen Sprache ein ganz besonderes Erlebnis.
Özgür möchte „die Stadt wie einen Schmetterling in ihren hohlen Händen einfangen und in Worte bannen, ohne sie zu töten”. Das gelingt Asli Erdogan ganz wunderbar. Ihr Rio de Janeiro voll prächtiger Bilder verschweigt die Brutalität und das Elend nicht, doch ihre intensiven und kraftvollen Sprachbilder ziehen den Leser wie ein Sog in den Abgrund. Man folgt dem Strudel der Erzählung gebannt und kann nicht mehr aufhören zu lesen.
Asli Erdogan verbrachte zwei Jahre in Rio und lehrte als Physikerin an der Katholischen Universität, bevor sie sich ähnlich wie ihre Heldin Özgür als Englischlehrerin und Tänzerin durchschlug. Ihr unkonventionelles Leben sie studierte Physik und Informatik, lebte mehrere Jahre im Ausland und arbeitete am Kernforschungszentrum Cern in Genf, ehe sie sich ganz dem Schreiben zuwandte mag dazu beigetragen haben, dass man vergeblich nach „dem türkischen Frauenbild”, sei es kemalistisch, sozialistisch oder islamisch sucht. Hier begibt sich eine moderne, heimatlose, verlorene Weltbürgerin auf die Suche nach sich selbst. By Petra Klein

Tabus wischen Leben und Tod

Die Heldinnen heißen Özgür sowie Armanoush und Asya; ihre Geschichten erzählen ebenso von Gegenwart und Vergangenheit der Türkei wie sie von Einsamkeit, Verzweiflung und Sehnsucht künden, die Menschen dieser Erde fühlen. Im mörderischen Dschungel Rio de Janeiros wie auf dem American Way of Life zwischen Arizona und San Francisco. Und natürlich in Istanbul, der uralten, melancholisch toleranten Metropole auf der Grenze zwischen Europa und Asien, in der Skurril Sein nicht auffällig scheint. Und Verdrängung wie andernorts funktioniert…
Ein Literaturnobelpreisträger ist in jedem Fall eine perfekte Adresse. Sein Lob taugt als Bürgschaft, wirkt verkaufsfördernd. Zumindest aber schärft es die Aufmerksamkeit, wenn Orhan Pamuk über Asli Erdogan behauptet: „eine außergewöhnlich feinfühlige und scharfsichtige Autorin.” Von Elif Shafak sagt er gar, sie sei „die beste Autorin, die die Türkei im letzten Jahrzehnt hervorgebracht hat”. So, sehr gespannt, greift man zu den Büchern der Damen, die beide in flammend roter Aufmachung daherkommen und unter den vielsagend rätsel vollen Titeln „Die Stadt mit der roten Pelerine” sowie „Der Bastard von Istanbul”.
Damit jedoch hören die Gemeinsamkeiten gleich wieder auf. Denn bereits ihre Biografien trennen Erdogan und Shafak eher, als sie sie schwesterlich zusam die Ankunft von Armanoush, die türkisch-armenisch-amerikanische Wurzeln hat und heimlich zu den fernen Verwandten nach Instanbul gereist ist, räumt mit Lebenslügen der heutigen türkischen Gesellschaft auf. Vom geleugneten osmanischen Genozid an den Armeniern über die widersprüchliche Rolle der Frau bis zum Umgang mit dem Inzest.
Auch Erdogans düsteres Porträt einer jungen Türkin, die zunächst als Touristin ans andere Ende der Welt geraten ist, und dann, wie von wuchern den Urwaldpflanzen gefesselt, bleibt, bis sie von einer eher verirrten Kugel tödlich getroffen wird, kennt kein Tabu. Lässt an drastischer Schilderung aller existenziellen Bitterkeit des Daseins im vermeintlichen Paradies nichts zu wünschen übrig. Nur haben Fremde und Exotik von der Prosa der Autorin Besitz ergriffen. Im Wechsel zwischen den quasi realen Notizen aus den lähmenden Alltagen Özgürs und Passagen des albtraumhaft grauenvollen und dabei wunderschönen Romans, mit dessen Fertigstellung sie sich von der vereinnahmenden Erfahrung Rios loszureißen hofft, jongliert Erdogan bilderreich, sprachgewaltig und gefährlich mitreißend mit Schicksalen, Wörtern, Sätzen. Und baut einen magischen Kosmos auf, in dem nicht verwundert, dass das tragische Ende der Protagonistin eine Erlösung ist. By Gisela Hoyer